60 Jahre Bundesrepublik: Gesellschaft und politische Kultur im Umbruch

C·A·P-Kolloquium mit Prof. Dr. Andreas Wirsching

17.06.2009 · C·A·P


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Die 60. Wiederkehr der Gründung der BRD lässt erkennen, dass die Bundesrepublik auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. In seinem Vortrag "60 Jahre Bundesrepublik: Gesellschaft und politische Kultur im Umbruch" im Rahmen des Forschungskolloquiums des Centrums für angewandte Politikforschung (C·A·P) ging Prof. Dr. Andreas Wirsching, Historiker an der Universität Augsburg, der Frage nach, wie diese Geschichte erzählt werden kann. Zugleich analysierte Wirsching die Rolle von Narrativen innerhalb der deutschen Geschichtsschreibung sowie deren Auswirkungen und Grenzen.


Prof. Dr. Andreas Wirsching, Prof. Dr. Werner Weidenfeld, Dr. Manuela Glaab

Obwohl unumstritten ist, dass Narrative dazu beitragen, Geschichte "weitererzählbar", "verständlich" und "fassbar" zu machen und damit für eine Gesellschaft notwendig sind, darf nicht vergessen werden, dass die Reduzierung von Komplexität in diesem Sinne auch Gefahren birgt. Als Beispiele hierfür führte Wirsching die Narrative der „bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte“, der Klassifizierung der "BRD als Konsumgesellschaft" oder des "Entstehens einer übernationalen Erinnerungskultur" an. Durch eine derartige begriffliche Manifestation entstehen eine narrative Kontinuität und eine zielgerichtete Entwicklungsgeschichte im Sinne einer teleologischen Ausrichtung, zugleich verbunden mit einer normativen Entwicklungstendenz. Dies verkenne jedoch die Polivalenz und die Unvereinbarkeit unterschiedlicher Deutungsmuster der bundesrepublikanischen Geschichte.

Wirsching definiert den Begriff "Narrativ" nicht statisch, sondern sieht diese typisch "bundesrepublikanischen Kontinuitäten" im Wandel begriffen. Besonders nach 1989/90 vollzogen sich durch die friedliche Revolution und die Deutsche Wiedervereinigung drei Veränderungen, die die Defizite der per se definierten Kontinuitätsstränge ausglichen: Die Wiedervereinigung löste sozusagen politische, gesellschaftliche und deutschlandpolitische Widersprüche innerhalb des "Erfolgsparadigmas BRD".

In seinen Schlussbemerkungen zeigte Wirsching die Auswirkungen und Grenzen von Narrativen auf. Einerseits könnten Narrative nie allumfassend und alleserklärend sein, weshalb beispielsweise auch eine "integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte" nur schwer zu verfassen sei. Anstatt sich auf die lineare Erfolgsgeschichte der BRD zu konzentrieren, müsse man immer auch Widersprüche aufzeigen und Mythen dekonstruieren. Andererseits müsse man einen möglichen Stimmungswandel innerhalb des Zielpublikums berücksichtigen, um erkennen zu können, dass die Perzeption dieser "bundesrepublikanischen Erfolgsgeschichte" sich im 21. Jahrhundert zu der einer "Problemerzeugungs- und Chancenverhinderungsgeschichte" gewandelt haben könnte.


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