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Die geostrategische Rolle der Türkei

C·A·P-Forschungskolloquium mit Professor Hüseyin Bagci von der Middle East Technical University in Ankara

01.06.2007 · C·A·P


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Die Rolle der Türkei in den internationalen Beziehungen wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Die eingenommenen Perspektive ist dabei vornehmlich die der Europäischen Union. In seinem Vortrag im Rahmen des Forschungskolloquiums des Centrums für angewandte Politikforschung (C·A·P) stellte Professor Hüseyin Bagci von der Middle East Technical University in Ankara hingegen das Verständnis der Türkei selbst von seiner geostrategischen Rolle in den Mittelpunkt seiner Ausführungen.


Professor Hüseyin Bagci und Professor Werner Weidenfeld

Als "pivotal state" könne sich das Land zum Osten und Westen gleichzeitig wenden. Dennoch sollte die Türkei nicht nur als Brücke fungieren, sondern als Land agieren, dass Kulturen nach dem "Nokia-Prinzip" zusammenbringt – nach dem Motto "connecting people". Als demokratischer Rechtsstaat mit einer offenen Gesellschaft kann die Türkei nicht nur Modell sein, sondern auch politische und soziale Werte in der restlichen islamischen Welt verbreiten. Die Türkei müsse zudem zu einem sicherheitsproduzierendem Land in der Region werden, so die Forderung Bagcis.

Die türkische Außenpolitik verfolge zwei wichtige Strategien – den "zero problem"-Ansatz mit seinen Nachbarn und die Einbindung in internationale Institutionen und Allianzen. Die Türkei habe gute Beziehungen mit den angrenzenden Staaten – Bulgarien, Zypern, Syrien, Irak, Iran und Georgien. Einzig mit Armenien habe man Probleme. Beim zweiten großer "Pfeiler" der türkischen Außenpolitik, der Einbindung in internationale Institutionen und Allianzen zeigt sich die große Stärke der Türkei besonders in den Verhandlungen mit der EU. Dies werde an vier Punkten deutlich, erklärte Bagci. In der Türkei herrsche keine Wirtschaftskrise, da Vertrauen in die türkische Wirtschaft vorhanden ist und enorme ausländische Investitionen ins Land fließen. Zweitens ist die Türkei – bei allen vorhandenen Defiziten – zu einer demokratischen und offenen Gesellschaft geworden, was sie in der islamischen Welt einmalig macht. Darüber hinaus arbeite die Türkei bei vielen globalen Problemen mit anderen Staaten zusammen wie z.B. beim Hilfseinsatz im Libanon im Jahr 2006. Schließlich zeige der politische und wirtschaftliche Umbruch die Stärke der Türkei. Noch nie habe das Land so viele Reformen durchgeführt wie in den letzten fünf Jahren, so Bagci.

In seinem Kommentar warf Franco Algieri, wissenschaftlicher Mitarbeiter am C·A·P, eine Reihe von Fragen auf: Wohin wird sich die Türkei mit ihren Allianzen in Zukunft wenden? Wie verlässlich ist die Türkei für die NATO und die USA? Bezüglich des türkischen EU-Beitritts sei die Zukunft ungewiss, so dass sich die Frage nach den Optionen für die Türkei ohne EU-Beitritt stelle. Gibt es Alternativen beispielsweise in Form einer Mitgliedschaft in der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik oder als ad hoc-Koalitionär?

Ein seiner Antwort erteilte Bagci jeglichen Alternativen zum EU-Beitritt eine klare Absage. Die Türkei sei nicht auf der falschen Seite der Geschichte, wenn sie mit der EU verhandelt. Gleichzeitig kritisierte er die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese entspräche nicht den aktuellen Beziehungen. Eine privilegierte Partnerschaft kann nicht funktionieren. Schließlich habe die Türkei noch nie in der Vergangenheit einen Vertrag unterzeichnet, in dem sie nicht die gleichen Rechte und Pflichten wie ihre Partner hatte. Die Türkei ist ein europäischer Staat, so Bagci, ob sie auch eine europäische Gesellschaft hat, sei eine andere Frage. Neben allen Bemühungen, die Menschen in der EU von einem Beitritt der Türkei zu begeistern, wird es auch eine große Herausforderung sein, die türkische Gesellschaft von der Europäischen Union zu überzeugen.


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