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Europas weltpolitische Mitverantwortung

Experten diskutieren Trends, Herausforderungen und Szenarien beim "Global Policy Council" in Berlin

07.06.2006 · Bertelsmann Forschungsgruppe Politik


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Angesichts veränderter Machtkonstellationen und Konflikte stellt sich die Frage nach einer globalen Ordnungspolitik und der Ausbildung globaler Macht neu. Differenzierte und neuartige Problemlagen prägen dabei den Sorgehorizont der Staaten in der Welt. Hierbei sind nicht mehr militärische Konfrontationen, ethno-nationale Konflikte oder Terrorismus die alleinigen regionalen oder globalen Herausforderungen. Vielmehr erfordern die intensive wirtschaftliche Verflechtung, globale Abhängigkeiten und Vernetzungen, staatliches Versagen sowie Probleme wie nukleare Proliferation neue Ansätze internationaler Führung und Kooperation.


Die Studie "Weltmächte im 21. Jahrhundert" präsentierte C·A·P-Direktor und Bertelsmann Vorstandsmitglied Werner Weidenfeld auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der Sitzung des Global Policy Council (neben dem stellv. C·A·P-Direktor Josef Janning (l.) und Gallup / TNS-EMNID-Chef Klaus Peter Schöppner). Fotos: Marc Darchinger, Bertelsmann Stiftung

Diese Ausgangslage bildete den Hintergrund der ersten Sitzung des "Global Policy Council", der Anfang Juni im Berliner Haus der Bertelsmann Stiftung unter Leitung von C·A·P-Direktor Professor Werner Weidenfeld namhafte Vertreter der geostrategischen und geopolitischen Szenen aus den USA, Europa, Lateinamerika, China und Südostasien zu einem konzentrierten Meinungsaustausch zusammenführte. Hintergrund der Initiative sind kumulierte Erkenntnisse, die sich aus einer aktuellen Studie Weltmächte im 21. Jahrhundert sowie weiteren Recherchen und Schlussfolgerungen ergeben. Die Untersuchung entstand im Kontext des gemeinsamen Projekts Europas weltpolitische Mitverantwortung zwischen dem Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P) und der Bertelsmann Stiftung.

Die Studie, die Meinungen von 11.500 Menschen aus neun Ländern - den USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien sowie aus Brasilien, Indien und den Exportnationen Japan und Deutschland - bündelt, spürt der Frage nach, welche Länder am meisten Einfluss haben und wie in Zukunft eine Weltmacht beschaffen sein muss. Sie bezieht hierbei auch die UN und die EU als wichtige Akteure der internationalen Politik ein. Die Union nimmt aber nur eine Nebenrolle ein, während die USA gegenwärtig unangefochten auf Platz eins der führenden Weltmächte gesehen werden. China liegt mittlerweile auf Platz zwei.

Bemerkenswert dabei ist, dass Macht und Einfluss der USA nach Auffassung vieler Befragten in Zukunft bröckeln. Die Vereinigten Staaten werden als Verlierer der Zukunft gesehen, die EU verharrt in der Projektion auf Platz vier. China und Indien werden als Aufsteiger angesehen. Dies zeigt: die Machtverteilung auf dem Globus verschiebt sich, die Welt wird unweigerlich multipolarer. Gleichzeitig nehmen klassische Faktoren wie nationale Autorität und militärische Kapazität als Alleinstellungsmerkmale einer Weltmacht ab. Wirtschaftskraft, Forschung, Bildung und Innovationen, intelligente Vernetzung, politische Stabilität werden als zunehmend wichtig für den Status einer Weltmacht angesehen. Dies korreliert stark mit den Ergebnissen einer systematischen Bestandsaufnahme jetziger und zukünftiger Weltprobleme, die neben der Studie der Bertelsmann Stiftung die Grundlage der Gespräche in Berlin bildete. Diese Bestandsaufnahme, die in Berlin von dem stellvertretenden C·A·P-Direktor Josef Janning anhand einer "neuen Landkarte der Konflikte" präsentiert wurde, zeigt, wie wirtschaftliche Verflechtung, globale Abhängigkeiten, Kontrolle über wichtige regionale Versorgungslinien, demographischer Stress, Pandemien, Zugang zu Ressourcen wie Energie und Wasser oder Probleme wie staatliches Versagen oder die Entfaltung nuklearer Macht geopolitisches und geostrategisches Handeln in Zukunft bestimmen werden und bestimmen müssen.


Professor Weidenfeld, der frühere US-Außenminister Henry Kissinger und der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland, Mei Zhaorong. 

Die damit verbundenen Herausforderungen standen im Zentrum der nachfolgenden Debatte. Der ehemalige US-Außenminister der USA Henry Kissinger, der indische Strategieexperte C. Raha Mohan, der ehemalige chilenische Staatspräsident Ricardo Lagos Escobar, der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler und der japanische Diplomat Kazuhiko Togo entfalteten zu Beginn der Debatte übergreifende Überlegungen zum Thema globaler Macht und internationaler Ordnung im 21. Jahrhundert. Insbesondere die Ausführungen von Henry Kissinger zeigten hierbei die große Relevanz der "neuen Landkarte der Konflikte" auf. Grundlegend veränderte oder modifizierte Bedürfnisse nach Versorgung, Schutz und Sicherheit, Technologe, Zugang zu Rohstoffen, das Bedürfnis nach Freiheit und Selbstverwirklichung bedürfen heute anderer oder mehr Ressourcen und Fähigkeiten als früher. Hierzu unilateral oder multinational entsprechende Fähigkeiten aufzubauen und nachhaltig zu sichern, machen eher globale Handlungsfähigkeit und Projektionsmacht aus als herkömmliche Faktoren.

Die Tagung fokussierte sich in diesem Zusammenhang auf Schlüsselthemen dieser Agenda. Sie thematisierte mit Stellungnahmen des früheren Beraters von Kofi Annan, Lakhadar Brahimi und Carlos Pascual, The Brookings Institution, Fragen von Demokratiebewahrung und Demokratieförderung.  Der ehemalige Direktor des Oxford Energy Institute, Robert G. Skinner und Gulf Research Center-Chef Abdulaziz Sager thematisierten die vielfältigen Facetten der zukünftigen Energiesicherheit. Der Leiter des Frankfurter Instituts für Friedensforschung Harald Müller sowie William Potter, Direktor des Center for Nonproliferation Studies in Monterey CA, reflektierten schließlich die realen Wahrscheinlichkeiten der Proliferation von Massenvernichtungswaffen.


Stand in engem Zusammenhang zum Tagungsthema:
der Bertelsmann Transformationsindex 2006.

Professor Weidenfeld stellte abschließend fest, dass das Monitoring bezüglich der Veränderung der Lagen kontinuierlich fortgeführt werden müsse. Hierbei haben die Schlüsselaspekte globaler Macht besonders zu interessieren und über Szenarios sollten mögliche Entwicklungspfade beschrieben werden. Hier stellen sich zahlreiche Fragestellungen: Was ist das adäquate Muster der Interpretation der globalen Lage? Wenn es zu erheblichen politischen Verwerfungen kommen wird, welche Machtarchitektur und welche Akteure prägen in Zukunft die internationalen Beziehungen? Was sind entsprechende Strategien mit Blick auf Einzelfragen wie Energie, Demokratie, Marktwirtschaft, Sicherheit? Was sind Regime der Zukunft und wie sind diese in neuen politischen Konstellationen zu verbinden? Diese Fragen werden die weitere Arbeit des Global Policy Council in Zukunft hinsichtlich einer adäquaten Strategiebildung prioritär beschäftigen.


Hielt am Abend des ersten Tages die Dinner-Speech zum Thema "Herausforderungen von asymmetrischen Bedrohungen für die Außen- und Innenpolitik": Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, hier mit dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger.

Downloads

Weltmächte im 21. Jahrhundert
Ergebnisse einer Repräsentativbefragung in den Ländern Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Japan, Russland und USA,  Berlin, 2. Juni 2006.

World Powers in the 21st Century
The Results of a Representative Survey in Brazil, China, France, Germany, India, Japan, Russia, the United Kingdom, and the United States Berlin, June 2, 2006.

Wer regiert die Welt?
Weltmächte und internationale Ordnung
Schlussfolgerungen aus einer weltweiten Repräsentativbefragung "Weltmächte im 21. Jahrhundert", Berlin, 2. Juni 2006.

Who Rules the World?
World Powers and International Order
Conclusions from an International Representative Survey "World Powers in the 21 st Century", Berlin, June 2, 2006.

Agenda der Konferenz

Teilnehmerliste der Konferenz

Pressespiegel

USA im Sinkflug
Rangliste der mächtigsten Staaten - Studie "Weltmächte im 21. Jahrhundert" der Bertelsmann Stiftung
sueddeutsche.de, 02.06.2006

Die Weltmacht der Zukunft
Financial Times Deutschland, 02.06.2006

Weltmacht Deutschland? 40 Prozent sagen Ja
n-tv.de, 02.06.2006


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