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Wird China vom Westen über- und Russland unterschätzt?

Kolloquium mit Stern-Reporter Matthias Schepp

Im Forschungskolloquium des C·A·P sprach Stern-Reporter Matthias Schepp über die Zukunftsperspektiven für Russland und China.

08.07.2005 · C·A·P


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Prof. Dr. Werner Weidenfeld und Matthias Schepp

In der öffentlichen Debatte kursiert häufig das napoleonische Diktum vom "schlafenden Riesen" China, der, wenn er nur einmal vollends erwacht ist, eine dominante internationale Rolle einnehmen wird. Russland indes, so die westliche Wahrnehmung, befindet sich seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Auseinanderfallen der Sowjetunion in einem kontinuierlichen Abwärtstrend. Matthias Schepp, lange Jahre für den Stern in Moskau und Peking und daher intimer Kenner der beiden Länder, teilt diese Analyse nicht. China etwa wird Schepp zufolge erheblich überschätzt. Das enorme wirtschaftliche Wachstum der Vergangenheit, im Durchschnitt immerhin 7% p. a., stehe aufgrund des maroden chinesischen Bankensektors (Schätzungen zufolge belastet mit 40-60 % faulen Krediten) und der Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen auf tönernen Füßen. Zudem zeichnet sich durch die extreme soziale Ungleichheit eine Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens im Reich der Mitte ab. Vor allem außerhalb der großen Boomzentren im Osten des Landes kommt es täglich zu Unruhen, die von der Regierung nur mit Mühe und nicht selten unter Einsatz brutaler Gewalt in Zaum gehalten werden können. Sollte es China nicht gelingen, die sozialen Probleme zu lösen oder diese sich gar verstärken könnte ein Teufelskreis in Gang gesetzt werden: Wird die soziale Stabilität Chinas erst einmal im Ausland in Frage gestellt, könnte es zu einer Zurückhaltung ausländischer Investoren kommen, woraus wiederum ein Rückgang des Wirtschaftswachstums und eine Zunahme der Arbeitslosigkeit resultieren würde, wodurch es zu einer weiteren Zunahme sozialen Unruhepotenzial käme. Eine fatale Abwärtsspirale wäre in Gang gesetzt.

Auch die westliche Perzeption Russlands sieht Schepp skeptisch. Der politische Apparat in Moskau etwa sei wesentlich leistungsfähiger als der in Peking, reagiere schneller auf Probleme und lerne aus Fehlern. Zudem habe Russland in den letzten zehn Jahren erheblich an wirtschaftlicher Dynamik gewonnen und weise ein wesentlich höheres Pro-Kopf-Einkommen auf als China. Darüber hinaus stellte Schepp aber auch einen Wandel in der Stimmung in Russland fest. Habe man früher kaum jemanden gefunden, der etwas Positives über sein Land sagen wollte, so finden sich jetzt allerorten hoffnungsvolle Zukunftspläne. Auch diese sozialpsychologische Entwicklung sollte nicht unterschätzt werden.

In der folgenden Diskussion wurden zunächst weitere Themen angesprochen, die in eine Analyse der beiden Länder miteinbezogen werden könnten. So haben Russland und China mit erheblichen Problemen im Gesundheitssektor, hier vor allem mit übertragbaren Krankheiten wie Aids, sowie im ökologischen Bereich zu kämpfen. Darüber hinaus sind die zivilgesellschaftlichen Kräfte in beiden Ländern nur sehr schwach ausgeprägt.

In der Debatte wurden jedoch auch einige Stärken Chinas benannt. So wurde auf die strukturelle Macht hingewiesen, über die China aufgrund seiner schieren Größe auf den internationalen Märkten verfügt. Chinas Humanressourcen sollten zudem nicht unterschätzt werden. Auch Arbeitnehmer in niedrigen Lohnsektoren verfügen beispielsweise über eine verhältnismäßig gute Ausbildung. Darüber hinaus zeigten die jüngsten Übernahmen ausländischer Firmen, u. a. in Europa und voraussichtlich auch in den USA, sowie der kaum zu stillende Bedarf nach Rohöl, Kohle und Stahl, dass es um Chinas Wirtschaft nicht so schlecht bestellt sein könne.

Übereinstimmung herrschte unter den Teilnehmern hinsichtlich der Strategien, die Deutschland und die Europäische Union gegenüber den beiden Staaten einschlagen solle. Russland müsse besser in die EU eingebunden und die russische Zivilgesellschaft gefördert werden.

Gegenüber China sollte weiterhin eine Politik nach dem Motto "Wandel durch Handel" betrieben werden, in der Reformen – etwa im Bereich der Menschenrechte – nicht durch politischen Druck, sondern durch subtile indirekte Einflussnahme gefördert werden.


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